Die Deutsche Darre
Museums-Sachen – seit 21 Jahren (4)
Von Christoph Pinzl
In der Geschichte des Hopfenbaus begegnen uns immer wieder Dinge, deren genauer Ursprung mehr oder minder im Dunkeln liegt. So eine Sache ist die „Deutsche Darre“. In unserem Museum haben wir so eine Darre originalgetreu nachgebaut.
Der Ofen der Deutschen Darre im Museum mit Besuchern, 2010.
Jahrhundertelang hat man Hopfen nach der Ernte einfach an der Luft getrocknet. Nicht unbedingt in der prallen Sonne, das tat den Inhaltsstoffen in den Hopfendolden nie gut. Besser im Schatten oder am besten gleich innerhalb des Hauses, auf dem Dachboden, in der Scheune, im Hausflur. Solange Hopfenbauer-Sein bedeutete, dass man maximal ein paar Hundert Stöcke im abgezäunten Hopfen-Garten anpflanzte, funktionierte so eine Lufttrocknung auch recht problemlos. Wo die Leute dann schon etwas intensiver in den Anbau einstiegen, ließen sie sich Horden zum Trocknen bauen, einfache hölzerne Rahmen mit einem Boden aus Rohr, Weidenästen oder auch Draht, worauf sie die Dolden zum Trocknen ausbreiteten. Übereinander gehängt ließ sich mit diesen Horden eine Menge Platz sparen. Und man musste nicht gleich in ein neues Trockenhaus oder ähnliches investieren. Wer wusste schon, ob das mit dem Hopfenbau auf Dauer wirklich klappte.
In Regionen, in denen man sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts vollauf dem Hopfen hingab, zog man aber bald die Lufttrocknung in Zweifel. Egal, ob auf Horden, auf dem Dachboden oder sonstwo. „Heißlufttrocknung“ lautete der Leitstandard, sprich: nicht einfach nur die normal warme Umgebungsluft kam beim Trocknen zum Einsatz, sondern künstlich erwärmte Luft aus einem Ofen. Erste Ideen hierzu stammten schon vom Anfang des 19. Jahrhunderts. In der Literatur wird, aus welchem Grund auch immer, gerne dem Franzosen Christophe J. Mathieu de Dombasle das Verdienst zugeschrieben, um 1830 als erster eine beheizbare Hopfendarre entwickelt zu haben. Tatsächlich gab es solche Konstruktionen aber deutlich früher. Vorbild war, wie so häufig in dieser Zeit, der englische Hopfenbau. Grundsätzlich waren diese Darren zweigeteilt: sie bestanden aus einem Heizbereich mit einem Ofen unten und einem Trockenbereich im Stockwerk darüber. Im Ofen wurde eingeheizt, darüber lagen die Hopfendolden zum Trocknen. Zwei Details waren dabei wesentlich: 1. der Rauch aus dem Ofen zog nicht durch die Hopfendolden, sondern in den Kamin. 2. die Dolden wurden nicht direkt auf einem luftdurchlässigen Rost oder ähnlichem aufgeschüttet, sondern auf einem Tuch, das sich aus dem Trockenraum heraustragen ließ. In der Hallertau nannte man dieses Tuch die „Plocha“. Ein wesentliches Detail, denn dadurch konnten die Dolden nicht nach unten auf den Ofen fallen und verbrennen.
Schema einer Deutschen/Hallertauer Darre, 1931.
Wer auch immer als erster so eine Hopfendarre gebaut hat: er hat sich mit ziemlicher Sicherheit inspirieren lassen. Und zwar von der Bauweise englischer Malzdarren, die in der beschriebenen Form bereits seit dem 18. Jahrhundert gebaut wurden. Ein berühmtes Beispiel lieferte die Münchner Spatenbrauerei, bei der seit 1810 eine solche englische Malzdarre in Betrieb war. Einer der Grundsteine für den späteren Erfolg dieser Brauerei, die sich im Lauf des 19. Jahrhunderts zu einer der größten der Welt entwickeln sollte. Was die Malzdarren der Engländer besonders effizient machte, war ein umlaufendes System aus Blechröhren zwischen Ofen und Trockenbereich. Wie eine Schnecke aus dicken Ofenrohren. Dadurch ließ sich die Menge an warmer Luft zum Trocknen ganz erheblich erweitern. Alles lief dadurch viel schneller und gleichmäßiger ab. Wärmetauscher würde man so etwas heute nennen. Eine Revolution in der Trockentechnik.
Und jetzt sind wir endlich bei der Deutschen Darre. Gemauerter Ofen, Rauchrohrschnecke, Plocha, das waren ihre entscheidenden Zutaten, ganz wie bei den Engländern. Allerdings brauchte so eine Konstruktion ein eigenes turmartiges Gebäude, sonst funktionierte sie nicht richtig. Die Hallertauer errichteten diese Darrtürme seit ungefähr 1890 als Anbauten an ihre Bauernhäuser. In Massen. Schon um 1900 zählte man knappe 1000 Stück in der Hallertau. Der Wolnzacher Zimmermeister Max Eder scheint bei ihrer Verbreitung eine wichtige Rolle gespielt zu haben. In der Literatur wird er gerne als „Erfinder“ der Deutschen Darre bezeichnet. Was natürlich nicht ganz stimmte, wie oben dargestellt. Nichtsdestotrotz erhielt Eder 1905 für sein Wirken rund um die neue Darrtechnik eine Auszeichnung der bayerischen Wittelsbacher Landesstiftung.
Im Trockenraum einer Deutschen Darre werden die aufgeschütteten Hopfendolden gewendet. Das Tuch (die „Plocha“), auf dem die Dolden liegen, ist gut zu erkennen. Aufnahme von 1958.
Etwas ungewöhnlich ist auch, dass in allen Aufzeichnungen stets von der „Hallertauer Darre“ die Rede ist. Fragt man alte Hopfenbauern sprechen die aber ausnahmslos von der „Deutschen Darre“. Ob überhaupt und wenn ja welche Unterschiede bestanden, lässt sich heute nicht mehr klären. Eventuell entstand der Begriff auch erst etwas später: um die „Deutsche“ von der ab den 1920er Jahren aufkommenden „Böhmischen Darre“ abzugrenzen, die mit ihren Kipphorden noch deutlich fortschrittlicher ausfiel als die Deutsche/Hallertauer.
Ungeklärt ist bisher auch die Frage, wie und warum es die Hallertauer Bauern geschafft haben, in so kurzer Zeit fast geschlossen das Anbaugebiet mit solchen Bauwerken auszustatten. Waren ja nicht unbedingt kostenfrei zu kriegen. Genauso wenig ist klar, warum die fränkischen Kollegen in Spalt und vor allem in Hersbruck keine große Lust auf Deutsche Darren verspürten und erstmal lieber bei ihrer Lufttrocknung blieben oder jedenfalls bei deutlich kleineren Hausdarren – und dadurch den Zug in die Hopfenbauzukunft verpassten. Schon 1912 durfte sich die Hallertau mit dem Prädikat „Größtes Hopfenanbaugebiet in Deutschland“ schmücken. Die Ausbreitung der Deutschen Darre trug zu diesem Titelgewinn wesentlich bei.
Planskizze zum Bau einer Deutschen Darren in Ampertshausen (Hallertau), 1914.
Doch die technische Entwicklung blieb nicht stehen. Spätestens nach dem 2. Weltkrieg und mit dem Aufkommen der Hopfenpflückmaschine seit Mitte der 1950er Jahre bereitete die „oide Deitsche Darr“ erhebliche Probleme. Für die neuen Anforderungen war sie nun viel zu leistungsschwach. Zudem waren ihre alten Rauchrohre nach jahrzehntelanger Nutzung schwach, dünn, rostig geworden und zur rechten Zeit schlugen aus ihnen die Flammen heraus. Viele Hopfenbauern konnten sich nach der neuen sündteuren Pflückmaschine nicht auch noch eine neue Darre mit Ölfeuerung und Kipphorden leisten. Und deshalb feuerten sie lieber ihre alten Deutschen Darren auf Teufel komm raus die ganze Nacht durch bis die Rohre glühten, selbst wenn es den eigenen Schlaf kostete. Mit fatalen Folgen: in manchen Orten kamen die Freiwilligen Feuerwehren während der Ernte kaum mehr zur Ruhe, weil eine Deutsche Darre nach der anderen in Flammen aufging.
Ehemalige Deutsche Darre in Waal (Hallertau), 1994.
Heute dürfte so gut wie keine Deutsche Darre mehr in der Hallertau zu finden sein. Ein paar letzte, seit langem stillgelegte Exemplare durften wir entweder fotografieren oder beförderten sie gleich in Einzelteile zerlegt in unser Depot. In einem Fall wurden sogar die Ziegel einzeln abgetragen und gerettet. Aus solchen Bauteilen haben wir dann zur Museumseröffnung 2005 eine Deutsche Darre in Originalbauweise wiederhergestellt. Wie im Freilichtmuseum.
Rekonstruiert und aufgebaut übrigens von Mitgliedern und Freunden unseres Museumsvereins Deutsches Hopfenmuseum e.V. in ihrer Freizeit. Ein echtes Gemeinschaftswerk.