Am kältesten Ort Deutschlands

Das Hopfenforschungsinstitut in Hüll bei Wolnzach hält den Kälterekord

Dienstag 27.01.2026

Am kältesten Ort Deutschlands

Das Hopfenforschungsinstitut in Hüll bei Wolnzach hält den Kälterekord

Von Christoph Pinzl

Wenn heutzutage das Thermometer unter den Gefrierpunkt sinkt, steigt schlagartig die öffentliche Aufgeregtheit im gleichen Verhältnis. Der Klimawandel in Verbindung mit ununterbrochener Jetztzeit-Information per Wetter-App macht´s möglich. Man fragt sich, wie es die Leute früher geschafft haben, wo es doch angeblich noch viel kälter war. Alles kaum zu glauben. Dann dauert es meistens nicht lang, bis wieder die Geschichte vom ultimativen Kälterekord hervorgeholt wird. Einst am Heiligabend (ein Mahnzeichen für das neue Jahrtausend…?), in den Berchtesgadener Alpen, am Funtensee im Steinernen Meer, betrug es sich, dass ein dort montiertes Messgerät am 24. Dezember 2001 beim Stand von Minus 45,9° C stehenblieb. Definitiv sehr kalt, zweifellos. Murmeltiere sind dort besonders zutraulich, Erfahrung aus erster Hand, vielleicht sind ihre Fluchtinstinkte nachhaltig eingefroren, wer weiß. Verantwortlich für die Polartemperaturen am idyllisch gelegenen Bergsee ist seine sehr spezielle Kessellage, ohne Windbewegung, ohne Sonnenschein, ohne oberirdischen Wasserabfluss und noch so manchem mehr.

Genau deswegen gilt dieser Rekord beim Deutschen Wetterdienst: nichts. Null repräsentativ, sagen die Meteorologen. Wahrscheinlich gibt es noch kältere Flecken irgendwo in den Alpen, nur steht halt dort kein Messgerät herum. Über die Verhältnisse in Deutschland sagt so etwas nichts aus.

Den offiziellen Minusrekord kann deshalb weiterhin ein anderer Ort führen, mitten im tertiären Hügelland Oberbayerns, an dem auch Menschen leben, arbeiten und sogar forschen: Hüll bei Wolnzach, im Zentrum der größten Hopfenregion der Welt, der Hallertau. Und zwar schon sehr lange. Am 12. Februar 1929 wurden dort frostige Minus 37,8° C gemessen.

Hopfenforschungsinstitut Hüll mit Klimastation, um 1935.

Hopfenforschungsinstitut Hüll mit Klimastation, um 1935.

In Hüll stand seit 1926 das Institut für Hopfenforschung, damals noch Hans-Pfülf-Institut genannt, nach dem damaligen Vorstand der Münchner Pschorr-Brauerei. Ein Verbund aus Brauern, Hopfenhändler, Hopfenpflanzern und staatlichen Stellen hatte die Forschungsstelle ins Leben gerufen als Reaktion auf den katastrophalen Befall des Hopfens durch die Pilzkrankheit Peronospora. Mit Hilfe exakter wissenschaftlicher Erkenntnisse wollte man sich gegen zukünftige Bedrohungen durch derart verheerende Pflanzenseuchen wappnen. Man wollte wissen, wie gut welche Sorten gegen welchen Befall standhielten, welche Rolle die Bodenverhältnisse dabei spielten, welche die Pflegemaßnahmen der Hopfenpflanze, die Anbautechnik, die Gerüstformen und Erntezeitpunkte, wollte neue, stabilere Sorten züchten, bessere Techniken finden und verstehen, wie alle Faktoren zusammenhingen und sich gegenseitig beeinflussten. Ein Systemdenken, das für die damalige Zeit noch sehr modern und innovativ war.

Zudem wollten die Hüller Forscher nicht bei der Theorie stehenbleiben, sondern das neue Wissen unter die Leute bringen, die Hopfenpflanzer informieren, schulen, ihnen zeigen, wie sie richtig mit den neuen, ungewohnten Pflanzenschutzmitteln und Spritzgeräten umzugehen hatten.

Und natürlich wollten sie wissen, welchen Einfluss das Klima in diesem komplexen System spielte. Sofort nach der Gründung des Instituts baute man deshalb in Hüll eine meteorologische Station auf, eine „Station zweiter Ordnung“ wie es hieß, was sich auf die technische Ausstattung der Station bezog. Tagtäglich erfasste man dort Daten zu Temperatur, Niederschlägen, Sonnenscheindauer, Luftfeuchtigkeit, Wind. Besonders wichtig waren den Forschern natürlich die Daten während der Wachstumsphase des Hopfens, also zwischen April und September. Aber auch im Winter führte man akribisch Buch über alle klimatischen Verhältnisse mitten im Anbaugebiet Hallertau.

So kam es dann, dass an besagtem 12. Februar 1929 das Hüller Thermometer Minus 37,8° C anzeigte. Die Hopfenstöcke selbst scheinen diese Polartemperaturen wenig beeindruckt zu haben, beinahe im Gegenteil. 1929 entwickelte sich der Hopfen ganz hervorragend, die Ernte im Spätsommer fiel so gut aus wie seit langem nicht mehr. Eher viel zu gut, denn die Preise auf dem übersättigten Hopfenmarkt fielen anschließend ins Bodenlose, aber das ist eine andere Geschichte. Und ob der brachiale Winterfrost etwas damit zu tun gehabt hat, ist wohl eher zweifelhaft.

Die Hüller Klimastation der Anfangstage, 1927.

Die Hüller Klimastation der Anfangstage, 1927.

Wie sich die Temperatur an diesem Februartag 1929 für die Menschen in der Umgebung angefühlt haben mag, ist leider nicht im Detail überliefert. Mit Sicherheit hatten sie mehr damit zu kämpfen als ihre Hopfenpflanzen, auch wenn damals vereiste Frontscheiben und verspätete Regionalzüge noch nicht die dringlichsten Probleme gewesen sein dürften.

Möglicherweise waren die Leute aber auch nicht ganz so überrascht, wie wir heute schon auf deutlich sanftere Frostverhältnisse reagieren. In der Sammlung unseres Museums hat sich eine alte handgezeichnete Schautafel erhalten, auf der die Hüller Forscher ihre Klimadaten zwischen 1926 und 1935 verewigten. Der extreme Temperaturausschlag vom Februar 1929 ist dort gut zu sehen. Allerdings auch, dass im Winter Temperaturen im zweistelligen Minusbereich, auch unter Minus 20°, eher die Regel als die Ausnahme waren. Vielleicht beeindruckte also die Menschen in der Hallertau der Temperaturrekord gar nicht so sehr, wie man glauben möchte. Ob Minus 20 oder Minus 30 ist quasi auch schon egal. Viele Menschen dürften den Rekord wahrscheinlich mangels Wetterbericht im Fernsehen, geschweige denn wetteronline.de, gar nicht richtig mitbekommen haben. Wegen des heutigen Klimawandels vermutlich ein Rekord für die Ewigkeit.

Tafel mit Klimadaten aus dem Hopfenforschungsinstitut Hüll, 1926-1935. Der Ausschlag beim Kälterekord 1929 ist gut zu sehen.

Tafel mit Klimadaten aus dem Hopfenforschungsinstitut Hüll, 1926-1935. Der Ausschlag beim Kälterekord 1929 ist gut zu sehen.

Wenn man ganz ehrlich sein will, gilt für den Hüller Rekord eigentlich das Gleiche wie für den vom alpenländischen Funtensee. Es gibt ihn, weil dort halt damals schon eine wissenschaftliche Messstation stand und man die gemessenen Werte damals schon exakte notierte. Vielleicht, vermutlich sogar, war es anderswo in Deutschland damals noch kälter. Hat halt aber keiner gemessen. Tja, Pech, sei´s drum, die Hallertau ist und bleibt Rekordhalter.

Heuer, im Jahr 2026, darf das Institut für Hopfenforschung noch einen anderen Rekord feiern: seinen 100. Geburtstag nämlich. In den Museumsbeständen haben sich zahlreiche Bestände aus Hüll erhalten, Geräte, Bilder, Aufzeichnungen, Literatur. Darunter auch der Nachlass des Hüller „Wetterfrosches“ Josef Jehl mit vielen Wetteraufzeichnungen, die er dem Museum hinterlassen hat. Aber das sind auch wieder andere Geschichten.

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