Das Gut Marzill mit der Kirche St. Wolfgang, um 1950.
Das Gut Marzill mit der Kirche St. Wolfgang, um 1950.

Das Rätsel Marzill

Ein kleiner Ort nahe Mainburg hat Hopfengeschichte geschrieben – vermutlich

Freitag 16.10.2026

Das Rätsel Marzill

Ein kleiner Ort nahe Mainburg hat Hopfengeschichte geschrieben – vermutlich

Von Christoph Pinzl

Wer heute von der A 93 kommend Richtung Mainburg fährt, also auf der Verbindungsstraße von Wolnzach nach Mainburg, kommt durch Marzill. Ein kleiner, unscheinbarer Ort, der eigentlich nur aus einem Bauernhof besteht. Markant und schon von weitem sichtbar ist die dortige Kirche St. Wolfgang mit ihrem eigenwillig geformten Turm. Was ein so voluminöser Bau dort verloren hat, ist rätselhaft. Wirkt fast wie die Privatkapelle des Bauernhofes. Was nicht der Fall ist.

Zur Geschichte des Hofes würde das passen. Die ist nämlich mindestens so eigenwillig wie der Kirchenbau. Und Mut zur Größe besaß man dort auch. Das „Gut Marzill“, wie man es landläufig nannte, rückte nämlich Mitte des 19. Jahrhunderts ins Zentrum der Hopfenwelt. 1866 erwarb das englische Hopfenhandelshaus Wigan (später Wigan & Richardson) den Hof und begann dort in ganz großem Stil, Hopfen anzubauen. Zuletzt auf einer Fläche von fast 40 Hektar, was für die damalige Zeit exorbitant war und in der Hallertau, ja in der ganzen deutschen Hopfenwelt, so gut wie konkurrenzlos. Das Heer der Hopfenzupfer muss auch gewaltig gewesen sein, die Rede war von mehreren hundert Erntehelfern. Vermittelt hatte das Immobiliengeschäft der Nürnberger Hopfenhändlers Jakob Gutmann, der seit Jahren das grüne Gold der Hallertau in der ganzen Welt verkaufte. Gutmann scheint in den ersten Jahren noch vor Ort die Geschäfte geführt zu haben, denn er taucht anfangs noch als „Gutsbesitzer“ auf. Auch in den folgenden Jahren lag die Verantwortung für das Hopfengut in den Händen von Verwaltern, dann aber meist aus dem Königreich.

Die „englische Hopfenhalle“ in Siegenburg, 1940…

Die „englische Hopfenhalle“ in Siegenburg, 1940…

…und 1952.

…und 1952.

Was genau die Engländer mit ihrem Kauf eigentlich bezweckten, ist nicht wirklich klar. Hopfen aus der Hallertau war im Kommen, zweifellos. Das goldene Jahr 1860 hatte grandiose Preise gebracht und die aufstrebende bayerische Brauindustrie half kräftig mit, den Ruf des hiesigen Hopfens in der ganzen Welt zu verbreiten.

Aber von der späteren Weltbedeutung war die Hallertau noch weit entfernt. Guter Hopfen wuchs damals vielerorts. Konkurrenz kam nicht zuletzt aus England, also genau dort, wo die neuen Marzill-Eigentümer herstammten. Warum also nicht einfach zu Hause ein großes Gut erwerben und dort den begehrten Hopfen anbauen? Besonders eigenartig war zudem, dass man in Marzill keinen Hallertauer Hopfen anbaute, sondern englische Sorten. Die in Deutschland keiner wollte. Eine erhielt sogar einen speziellen Namen, der Marzill Golding, der angeblich erst dann geerntet wurde, wenn er schon fast rot war. Also englischen Hopfen im Ausland anzubauen, überreif werden zu lassen, um ihn dann aufwändig wieder nach Hause zu schaffen – was sollte sich daran lohnen?

Eine spätere Untersuchung wollte herausgefunden haben, dass die Marziller eigentlich gar nicht unbedingt auf den eigenen Hopfen aus waren. Tatsächlich wäre es vor allem um den Einkauf minderwertiger, deshalb billigerer Ware aus der Umgebung gegangen, die man dann für teures Geld als Hallertauer Originalhopfen an die brauende Welt verhökerte. Aber dafür mit viel Aufwand eine Riesenfarm im Ausland betreiben? Klingt nicht wirklich plausibel.

Hopfen-Kühlhaus von Wigan & Richardson in London, 1899.
Hopfen-Kühlhaus von Wigan & Richardson in London, 1899.

Hopfen-Kühlhaus von Wigan & Richardson in London, 1899.

Was auch immer Wigan & Richardson geritten haben mag, ihr Marziller Gut entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem Aushängeschild für modernen Hopfenbau. Modern hieß um 1880 beheizte Darren statt Lufttrocknung, Mineraldünger statt Viehdung, Ernte im Garten statt zu Hause, durch bezahlte Saisonarbeiter statt durch Nachbarn und Gesinde, bald auch Drahtgerüste statt Stangenanbau und Kokosfasern statt Aufleitdrähten. Letzteres scheint auch bitter nötig gewesen zu sein, denn um 1875  mit noch „nur“ 10 Hektar Hopfen belief sich der Bedarf an Hopfenstangen bereits auf gewaltige 91.000 Stück. All das waren Dinge, von denen die ortsansässigen Hallertauer Hopfenpflanzer bis dahin kaum etwas gehört hatten. Nun aber verbreitete sich die Kunde von den britischen Neuigkeiten wie ein Lauffeuer. Und jeder, der irgendetwas mit Hopfen etwas zu tun hatte, pilgerte nach Marzill, um die neuen Methoden in Augenschein zu nehmen. Man sprach von doppelt so hohen Hopfenerträgen als in der Hallertau üblich. Das wollte man sehen.

Auch die wissenschaftlichere Welt machte ihre Aufwartung. Ob an der neu gegründeten Brauuniversität in Weihenstephan, beim Landwirthschaftlichen Verein in Bayern oder beim Deutschen Hopfenbau-Verein: Allerorten gehörte es bald zum Pflichtprogramm, einen Ausflug nach Marzill zu unternehmen. Schon 1873 bewunderte man dort Neuerungen wie imprägnierte Hopfenstangen und breit angelegte Pflanzabstände für die Arbeit mit Zugtieren statt mit der Hand.

Nur: Was genau in Marzill konkret passierte und vor allem, welchen Einfluss das Ganze auf die Bauern der Hallertau ausübte, darüber wissen wir heute nicht mehr wirklich Genaues. Eine der wichtigsten Quellen hierfür waren handschriftliche Aufzeichnungen, die Mitte der 1970er Jahre noch in Marzill zu finden waren. Die heute aber nicht mehr existieren. Vermutlich entsorgt beim Dachbodenräumen, wer weiß. Ein Grund, warum es öffentliche Archive und ihrer Richtlinien gibt.

Abbruchreste der Hopfenhalle von Wigan & Richardson in Siegenburg, um 1980.
Abbruchreste der Hopfenhalle von Wigan & Richardson in Siegenburg, um 1980.

Abbruchreste der Hopfenhalle von Wigan & Richardson in Siegenburg, um 1980.

Das größte Rätsel schufen die Engländer in Siegenburg. Dort bauten Wigan & Richardson nämlich eine große Hopfenhalle mit gleich fünf Hopfendarren im englischen Stil. Bizarre, pyramidenförmige Gebilde, die in der Hallertau eine Ausnahme blieben. Angeblich um dort den in Marzill geernteten Hopfen zu trocknen. 22 Kilometer von Marzill nach Siegenburg mit dem Fuhrwerk waren damals eine Halbtagesreise. Den empfindlichen Hopfen so lange durch die Gegend zu schicken, ergab überhaupt keinen Sinn. Was geschah dann aber wirklich in Siegenburg? Wurde dort der „schlechte“ Hallertauer mit Nachtrocknen und Schwefeln so lange aufbereitet, bis er zum „guten“ Marzill Golding verwandelt war, wie man später gerne behauptete? Andererseits ist anfangs von einer Heißluftdarre in Marzill nichts zu hören. Irgendwo mussten die vielen Hektar Hopfen ja getrocknet werden. Wie gesagt, alles sehr rätselhaft. Ebenso wie Details über die Bauweise der Siegenburger Darren. Genaue Pläne existieren nicht mehr.

Ob nun Hallertauer Billighopfen, Eigenbau oder zum angeblichen Eigengewächs aufbereiteter Hallertauer: Gelohnt soll sich der ganze Marziller Betrieb für die Engländer angeblich eh nie haben. Was bei einem fast 50-jährigen Engagement dann doch reichlich eigenartig erscheint, auch die erfolgreichsten Hopfenhändler konnten es sich damals nicht leisten, etwas zu verschenken. 1875 war noch von einem Jahresverdienst von 45.000 Gulden die Rede gewesen, unrentabel klingt anders.

Gut Marzill, 1921.

Gut Marzill, 1921.

Im Jahr 1914 war Schluss. Der 1. Weltkrieg erklärte die Engländer zu Feinden. Marzill wurde kurzerhand beschlagnahmt. Wigan & Richardson hatten zu der Zeit ihr Interesse an der Hallertau aber ohnehin bereits verloren. Mit dem Kauf einer Riesen-Hopfenfarm in Oregon hatte sie ihr Engagement bereits 1912 in die USA verlagert, dem neuen Hotspot in der Hopfenwelt. Die dortige „Wigrich-Farm“ galt zeitweise als größtes Hopfengut der ganzen Welt und existiert bis heute unter anderem Namen weiter.

Nach Weltkriegsende 1918 entbrannte ein jahrelanger „Kampf um Marzill“ zwischen staatlichen Stellen und Kaufinteressenten. Diese Episode ist die einzige in der Geschichte des Marziller Hopfengutes, die sich archivalisch nachzuvollziehen lässt. Joh. Barth & Sohn (heute BarthHaas), Hopfenhändler aus Nürnberg, bemühten sich in den 1920ern eine Zeitlang um das Gut Marzill, kauften letztendlich aber dann den nicht weit entfernten Barthhof. Schließlich ging das Marziller Gut in den Besitz einer lokalen Landwirtsfamilie über, die ihn heute noch bewirtschaftet. Mittlerweile allerdings ohne Hopfenbau.

Londoner Adressbuch von 1899 mit dem Eintrag von Wigan & Richardson in 15, Southwark Street.

Londoner Adressbuch von 1899 mit dem Eintrag von Wigan & Richardson in 15, Southwark Street.

In den 1960ern kam es dann doch noch zu einer Verbindung von Wigan & Richardson und der Firma Barth. Letztere erwarb nämlich die mittlerweile nicht mehr ganz so erfolgreiche englische Firma und fügte sie in ihr Handelshaus ein. Doch obwohl man sich in Nürnberg stets für die Bewahrung historischer Quellen für die Nachwelt interessierte: Ein altes Firmenarchiv von Wigan & Richardson ist heute nirgends mehr zu finden. Also auch keine eventuellen Aufzeichnungen darüber, was in Marzill einst vor sich gegangen war.

Für die Entwicklung der Hallertau zum größten Hopfenanbaugebiet der ganzen Welt könnte Marzill eine kaum zu überschätzende Rolle gespielt haben. Jedenfalls wird dies mancherorts behauptet. Beweisen können wir das heute wahrscheinlich nicht mehr. In einem Archiv in Mittelengland schlummern noch ein paar Dokumente. Ob die noch etwas Neues zu Tage fördern, ist zweifelhaft. Das Rätsel Marzill wird wohl für immer ungelöst bleiben.

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