In die hopfentrunkene Stadt
Wie ein Schwetzinger Naturforscher den Hopfen-Goldrausch erlebte
In die hopfentrunkene Stadt
Wie ein Schwetzinger Naturforscher den Hopfen-Goldrausch erlebte
Von Christoph Pinzl
Hopfenbau gab es schon seit dem frühen Mittelalter, erste Spuren aus Deutschland stammen aus dem 9. Jahrhundert. So richtig interessant wurde der Hopfen aber erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, als immer mehr Brauereien immer noch mehr Bier brauten, das immer noch mehr Menschen in den wachsenden Städten trinken wollten. In dieser Zeit begann der Anbau in den heute noch bekannten Hopfengebieten wie Hersbruck, Spalt oder der Hallertau zu florieren. In Tettnang ging er in dieser Zeit sogar erst los. Aber das waren keineswegs die einzigen Regionen in Deutschland, die vom neuen Hopfenwohlstand profitieren wollten. Eine war das 1806 neu gegründete Großherzogtum Baden und hier ganz besonders die Stadt Schwetzingen.
Schwetzingen war lange pfälzisch regiert gewesen. Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz hatte dort 1742 seine Sommerresidenz errichten lassen. Genau jener Karl Theodor, der ab 1777 auch Kurfürst von Bayern wurde und somit die spätere Linie der bayerischen Könige inkl. Ludwig II. begründete.
Ob diese spezielle Bayern-Connection dazu führte, dass um 1850 in Schwetzingen eine wahre Hopfen-Hysterie ausbrach, sei dahingestellt. Jedenfalls sichtete man dort erst 1808 den ersten Hopfengarten. Von einer Tradition des Hopfenbaus, wie man sie in Spalt oder der Hallertau seit dem Mittelalter pflegte, fehlte im mittlerweile badisch gewordenen Städtchen jede Spur.
Egal. Genau zu dem Zeitpunkt, als in Schwetzingen der Hopfenwahn ausbrach, lebte dort ein belesener und schreibkundiger Mann namens Karl Friedrich Schimper. Schimper hatte sich als vorzüglicher Botaniker und Geologe einen Namen gemacht, vielerorts Vorlesungen gehalten und war 1840 vom bayerischen Kronprinzen Maximilian mit einer geologischen Untersuchung der Alpen beauftragt worden. Wieder eine bayerische Verbindung. Darüber hinaus war Schimper als Dichter aktiv, er verfasste unter anderem eine Ode an die „Eiszeit“.
Portrait von Karl Friedrich Schimper, Stich von C. Geyer, 1866
Seine Beobachtungen rund um den Hopfenboom in seiner Schwetzinger Heimat rührten tief an seiner empfindsamen Seele, umso mehr als der Ausgangspunkt dafür ja ein Naturprodukt war, eben der Hopfen. Aus der Zeit zwischen 1860 und 1863 sind in unserem Museumsarchiv Aufzeichnungen von ihm erhalten, die ein seltenes und lebendiges Bild zum Hopfen aus dieser Zeit liefern.
150 Gulden brächte der Zentner Hopfen aktuell ein, notierte Schimper im Herbst 1860. Zu dieser Zeit wäre somit durch den Verkauf von zwei bis drei Zentnern Hopfen das Jahreseinkommen einer Bauernfamilie gedeckt gewesen. Entsprechend aufgeregt war die Stimmung allerorten, auf den Schwetzinger Straßen, in den Schwetzinger Gasthäusern. Überall wimmelte es von Hopfenhändlern, es herrschte „Hazard Stimmung“, so nannte es der poetisch talentierte Naturforscher und ergänzte mit leichter Übertreibung:
„In allen Wirtshäusern sieht man Zahlungen machen, daß die Tische sich unter den Geldrollen biegen und wichten.“
Schimper notierte aber nicht nur über das Spektakel rund um den Hopfenverkauf. Er berichtete zum Beispiel auch vom damals üblichen Trockenverfahren für den Hopfen:
„Da ich eben zum Fenster hinaussah nach der Uhr, ist Herr Trautmann unten (…) heimwärts gegangen und neben ihm wurden ihm eine Masse Hördchen transportiert (…) womit jetzt die Schwetzinger ihre Trockenräume verzwanzigfachen und die dem Hartung, der sie macht für hier (…) noch immer viel zu tun geben und Geld eintragen. Wer sie einmal hat, hat sie auf lange Jahre, da etwaige Reparaturen leicht sind und von jedermann gemacht werden können – aber bis alle, die an dieser ziemlich neuen Verbesserung des Hopfentrocknens ihren Vorteil finden und sie brauchen, deren zur Genüge haben werden, wird es noch eine Weile dauern, und der Zimmermann mit der Dampfsäge immer noch etwas verdienen.“
Die „Hördchen“, von denen er hier erzählt, waren leichte Rahmen mit eingeflochtenem Boden, auf denen der Hopfen unter Dach trocknen konnte. Ein Vorläufer der heute üblichen Heißlufttrocknung des Hopfens. Wer keine Horden besaß, musste den Hopfen auf direkt auf dem Dachboden trocknen. Daher Schimpers etwas hinkender Vergleich mit der Zimmermannssäge.
Übereinander gehängte Trockenhorden für Hopfen, Freilandmuseum Bad Windsheim, 2004.
Die Hopfenernte verlief wie damals üblich noch nicht im Hopfengarten, sondern zu Hause:
„Ich bin (…) ausgewesen und habe den wohlbekannten Anblick gehabt, gleich in der Nachbarschaft (…), daß in der Lüftung eines offenen Tores zur Linken eine große Gesellschaft zusammensaß und, halb verdeckt davon, ‚Hoppen zoppte‘“.
Vom Wirt des Schwetzinger Gasthauses Adler wusste Schimper, dass er zwar im Juni von den Blattläusen verschont geblieben war, aber nun kurz vor der Ernte mit etwas, was er „Köpfchenbrand“ nannte, zu kämpfen hatte. Eine damals übliche Bezeichnung für den Befall mit „roter Spinne“, also Spinnmilben. Zugleich ein klarer Hinweis dafür, dass Schädlingsbefall im Hopfenbau keineswegs eine Erfindung des 20. Jahrhunderts war.
Noch über ein weiteres Übel wusste Naturforscher Schimper zu berichten:
„Der Wind hat ungeheuren Schaden angerichtet, er hat ungezählte Mengen von Hopfenstangen niedergelegt – von 500 standen durchschnittlich meist nur 20 noch! So mußten die Leute (…) am Sonntag die Stangen aufrichten. Herr Pfarrer und Dekan Junker hatte die christliche Gnade, solches bei Gelegenheit der Sonntagskirche zu erlauben!“
Nett vom Herrn Pfarrer und gleichzeitig ein Beleg dafür, dass umgefallene Hopfenstangen damals leichter wiederaufzustellen waren als eingestürzte Drahtgerüste in späteren Zeiten.
Dissertation von Ludwig Chelius: Schwetzinger Hopfenbau, 1914.
Trotz Schädlingen, Unwetter und Schwierigkeiten bei der Hordenversorgung: die euphorische Stimmung wegen des Hopfen-Wohlstands ließen sich die Schwetzinger durch nichts verderben:
„Hier tut man Hoppenzoppen allgemein, und besonders am Frühmorgen ist es lebendig mit Karrchen, die mit frischer Ernte beladen hereineilen in die hopfentrunkene Stadt. Mehr Hopfen an den Stangen habe ich noch gar nicht gesehen als dieses Jahr, und zwar im Neurott, das links vom Grenzhöfer Weg gegen das Eichwäldchen (…) sich hinzieht – was ich da vor etwa 10 Tagen sah, war beispiellos – so hoch, so voll, so überlastet undurchdringliche Versammlungen,“
Womit Schimper die dicht bewachsenen Hopfenstangen meinte. Selbst ganz von der Euphorie mitgerissen, quollen dem romantisch veranlagten Naturgelehrten die Emotionen über:
„So früh hat man wohl auch schon lange nicht geerntet“
und es
„kam während des Festessens (…) der erste Sonnenblick unter die Hopfenzüchter, und es entstand bei meiner Nachbarschaft im Erbprinzen an der Tafel die beste Laune – jetzt konnte durchgeerntet werden!“
Nur ein paar Jahre später, 1863, beobachtete der weitsichtige Gelehrte allerdings schon ein Phänomen, das die weitere Hopfengeschichte dann bis heute verfolgen sollte: eine gute Ernte garantierte noch lange kein gutes Einkommen:
„Hopfen gibt es heuer unbändig (…) Bei diesem ganz ungewöhnlichen Segen werden die Schwetzinger mit der voll-vollständigen Ernte, wie ich im Stillen (sagen gilt nicht, da wird man umgebracht) voraussehe, nicht mehr verdienen als in manchen mittleren Jahren, das nicht halb so viel brachte – denn der Hopfen ist in Franken und Böhmen ebenso außerordentlich geraten. Man braucht also bloß mehr Hände für weniger Geld.“
Von den ökonomischen Mechanismen von Angebot und Nachfrage wollten die Schwetzinger in ihrer ‚Hopfentrunkenheit‘ also nichts hören. Auf Dauer half aber alles nichts. Nur ein paar Jahrzehnte später wurden sie erbarmungslos von den Entwicklungen auf dem Hopfenmarkt überrollt. Schon 1899 wurde das Schwetzinger Hopfensiegel, wie es hieß, „zum letzten Mal benutzt.“
Hopfen-Waag und Siegel-Ordnung der Stadtgemeinde Schwetzingen, 1886.
Karl Friedrich Schimper musste den Niedergang des Hopfens in seiner Heimat Schwetzingen nicht mehr erleben. Er starb schon 1867. Heute erinnert nichts mehr in der Stadt an die einstige „Hopfentrunkenheit“.