Jedermann ein Hopfenpflanzer

Lange Zeit baute jeder in der Hallertau Hopfen

Mittwoch 03.06.2026

Jedermann ein Hopfenpflanzer

Lange Zeit baute jeder in der Hallertau Hopfen

Von Christoph Pinzl

Hopfen anbauen ist was für Landwirte, für Bauern. Denkt man. Heutzutage ist gegen so eine Annahme auch wenig einzuwenden. Wer heute noch Hopfen anbaut, managt einen spezialisierten landwirtschaftlichen Betrieb und besitzt (oder pachtet) umfangreiche Anbauflächen, auf denen er/sie theoretisch auch Mais, Kartoffeln, Gerste oder Johanniskraut anpflanzen könnte. Tatsächlich tun viele Hopfenpflanzer heute aber nichts anderes mehr, als sich ausschließlich mit Hopfen zu beschäftigen. Sechs-, manchmal siebenstellige Investitionen in Pflückmaschinen, Darren, Schlepper, Gerüstanlagen, Gebläsespritzen etc. etc. lassen kein anderes Erwerbsmodell mehr zu.

Früher sah die Sache aber ganz anders aus. Auch wenn es lustig klingt: Bauern stellten beim Hopfenbau lange Zeit eher eine Randgruppe dar. Jedenfalls „richtige“ Bauern, die von nichts anderem lebten als von ihrer Landwirtschaft. Bis ins 18. Jahrhundert hinein befasste sich vor allem der Herr Fürst, Baron, Graf mit dem Hopfen, sprich der Adel. Am besten gleich in Verbindung mit einer haus- und familieneigenen Brauerei, quasi von der Hand direkt in den Braukessel. Neben dem sonstigen Gutsbetrieb, irgendwo nebendran auf ein paar Tagwerk Hopfengarterl, die für nichts sonst zu gebrauchen waren. Daher stammt auch der Name: Hopfen wuchs hinterm Zaun, nicht auf dem Feld, ein paar 100 Stöcke, mehr brauchte es nicht.

Etwa ab 1800 wurde es langsam spannender mit dem Hopfen. Brauereien wurden immer mehr und immer größer, Hopfen entwickelte sich zum „grünen Gold“, das sich ertragbringend verkaufen ließ. Jedenfalls wenn der Preis stimmte. Das Jahr 1860, von dem schon öfter die Rede war, brachte den Startschuss für den berühmten Hopfen-Goldrausch, der mit kleinen Unterbrechungen bis etwa 1890 anhielt.

In so gut wie jedem Haus beschäftigte man sich damals mit Hopfen. Die Freisinger Straße (heute Preysingstraße) in Wolnzach, um 1910.

In so gut wie jedem Haus beschäftigte man sich damals mit Hopfen. Die Freisinger Straße (heute Preysingstraße) in Wolnzach, um 1910.

Aus dem sogenannten Grundsteuer-Kataster (eine Art Grundbesitz-Verzeichnis) des Marktes Wolnzach aus dem Jahr 1862 lässt sich herauslesen, dass zu dieser Zeit praktisch jeder Bewohner ein Hopfenpflanzer war. Vom Tagelöhner bis zum Lehrer, vom ehrbaren Handwerker bis zum studierten Arzt, vom Kramer bis zum Pfarrer, alle bauten Hopfen. Anders als heute musste man noch verhältnismäßig wenig Geld in die Hand nehmen, um mitspielen zu können beim Hopfen-Roulette. Die Hopfenstangen kamen aus dem Wald, Pflanzenschutz war ein Fremdwort, geerntet wurde mit der Familie am Abend nach der Arbeit, getrocknet auf dem Dachboden. Besonders attraktiv scheint der Hopfen für den Gastronomiesektor gewesen zu sein, vor allem dann, wenn neben der Gastwirtschaft auch gleich noch die hauseigene Brauerei stand. Ein Drittel der Hopfengärten gehörte den bierbrauenden Wirten. Pure Risikominimierung: wer seinen Hopfen selber herstellte, den interessierte das wilde Auf und Ab der Preise auf dem Hopfenmarkt wenig. Außer natürlich die Preiskurve wanderte mal wieder ganz nach oben: dann glänzten die Gulden.

Trotz aller Umbrüche änderte sich an dieser Grundstruktur lange Zeit recht wenig. Eine Untersuchung zum Markt Au i.d. Hallertau aus den 1950ern lieferte folgendes Ergebnis: gerade einmal 21 % aller Hopfenpflanzer in Au waren klassische Landwirte. Demgegenüber standen rund 16 % Handel- und Gewerbetreibende, 19 % Arbeiter, ein kleinerer Prozentsatz Beamte, Angestellte und Akademiker (darunter auch ein Zahnarzt) und schließlich mit fast 24 % als stärkste Gruppe die Handwerker. Über deren berufliche Tätigkeit erhalten wir sogar recht genau Bescheid: 8 Maurer, 4 Metzger, 3 Schneider, 3 Schreiner, 3 Schuster, 2 Brauer, 2 Sattler, 2 Schlosser, 2 Spengler, 2 Wagner, 2 Schmiede, 1 Bäcker, 1 Elektriker, 1 Konditor, 1 Maler und 1 Uhrmacher, all das gab es damals in Au. Und alle kümmerten sich nebenbei auch noch um den Hopfen. Bei den Handeltreibenden liest man von Lebensmittelhändlern, Kohlenhändlern, Sägewerksbesitzern, Schuhladenbesitzern, Eisenwarenhändlern, Hopfenhändlern, Spediteuren und sogar einem Möbelhändler. Mit dabei natürlich auch wieder die Gastwirte. Alle nebenbei auch Hopfenpflanzer. Ob auch Frauen in all diesen Berufen vertreten waren, erfahren wir leider nicht. Als besondere Erwerbsgruppe fanden sich Leute, die schon von irgendwoher eine Rente bezogen und sich diese nebenbei durch den Hopfen aufwerten ließen.

Freilich wurde der größte Teil der Hopfengärten rund um Au von dem angesprochenen Fünftel landwirtschaftlicher Betriebe kultiviert. Wer als Bauer auch Hopfenbauer war, der baute ihn also tendenziell in größerem Stil an. Nutzte dafür aber meist nicht einmal ein Fünftel seiner landwirtschaftlichen Fläche. Schließlich war man von den monokulturellen Zuständen der heutigen Zeit noch weit entfernt. Ein Hopfenbauer-Bauer erntete damals immer auch Getreide, Hackfrüchte, Gemüse, trieb sein Vieh auf die Weide, pflegte seinen Wald. Auf der anderen Seite gab es unter den Handwerkern und Händlern manche, die 100 % ihrer landwirtschaftlichen Grundstücke für den Hopfen nutzten. Was so lange Sinn machte, so lange die Preise einigermaßen mitspielten.

Im Zentrum von Au während der Hopfenernte, um 1939.

Im Zentrum von Au während der Hopfenernte, um 1939.

Was so eine Struktur für eine Gegend wie Hallertau bedeutete, für das Zusammenleben, den Alltag und Festtag, das Denken und Handeln, das hätte Stoff für gleich mehrere Doktorarbeiten geliefert. Die es aber nicht gibt. Soziologen und vor allem Kulturwissenschaftler, früher Volkskundler genannt, hätten hier ein spannendes Betätigungsfeld gefunden. Haben aber nicht wirklich danach gesucht. So kann man heute höchstens noch betagtere Hallertauer/innen fragen, ob sie sich noch daran erinnern, wie das Leben in diesen rund 100 Jahren abgelaufen war.

Klar ist, dass sich jedermann und jederfrau für das Geschehen in den Hopfengärten interessierte. Dafür, wie sich Reben und Dolden im laufenden Jahr entwickelten, was auf dem Hopfenmarkt los war, was die Händler zahlten, was die Konkurrenz andernorts so trieb. Auch als gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Anbau allmählich aufwändiger wurde, als Drahtgerüste und Hopfendarren Pflichtaufgaben wurden, als ab Mitte der 1920er Jahre der Pflanzenschutz aufkam und als dann allmählich immer schwieriger an Hopfenpflücker zu kommen war: immer fand man Übergangslösungen. Die Nachbarskinder halfen beim Zupfen, der Kleingütler investierte in eine bessere Spritze und behandelte auch noch den Garten vom Herrn Lehrer, das alte Bockgerüst und die alte Deutsche Darre – auch wenn längst technisch überholt – verrichteten weiter ihren Dienst, wer das Schnuraufhängen gut beherrschte, fand einen gut bezahlten Nebenerwerb bei weniger geschickten Pflanzern. Und so weiter.

Die Einführung von Heißlufttrocknung und Drahtgerüsten um 1900 machten aus dem Hopfenbau mehr und mehr eine Sache für Spezialisten.

Die Einführung von Heißlufttrocknung und Drahtgerüsten um 1900 machten aus dem Hopfenbau mehr und mehr eine Sache für Spezialisten.

Erst die Entwicklung der 1950er brachte dann wirklich den Umbruch. Den berühmten „Strukturwandel“. Anfangs probierten es kleinere Betrieb noch einmal mit einer kreativen Lösung, wollten gemeinsam eine der sündteuren Pflückmaschinen als Pflückgemeinschaften betreiben. Eine Art Maschinenring in klein. Fast schon sozialistisch von der Grundidee her. Aber schon nach wenigen Jahren war es vorbei mit der alten Zeit. Ob die auch wirklich „gut“ war, sei dahingestellt.

Wo Anfang der 1960er Jahre noch von 160 Hopfenpflanzern in Au die Rede war, findet sich im Jahr 2026 nur mehr ein einziger. Solange die Alten noch vom einstigen Stellenwert des Hopfens vor Ort erzählen können, erinnert man sich noch an die alten Zeiten, an damals, als alle irgendwie vom Hopfen lebten. Noch.

Externer Link

Off-Site Link

Sie sind im Begriff hopfenmuseum.de zu verlassen und auf die externe Seite zu navigieren. Sind Sie sich sicher?

You are leaving hopfenmuseum.de navigating to . Are you sure?

Youtube Video

Youtube Video

Wir nehmen Ihren Datenschutz ernst. An dieser Stelle laden wir ein externes Video von YouTube. Nähere Infos dazu finden Sie in den Datenschutzbedingungen von YouTube.

At this point we load an external video from YouTube. You can find more information on this in YouTube's privacy policy.