Blick auf Spalt, um 1960
Blick auf Spalt, um 1960

Die Kriminalität der Hopfenzupfer von Spalt

Eine Doktorarbeit von 1924 untersuchte soziale Verhältnisse

Freitag 11.09.2026

Die Kriminalität der Hopfenzupfer von Spalt

Eine Doktorarbeit von 1924 untersuchte soziale Verhältnisse

Von Christoph Pinzl

Im Lauf des 19. Jahrhunderts dehnten sich einige Anbaugebiete für Hopfen ganz erheblich aus. Mit ihnen auch die Größe der Hopfenbetriebe. Wer mehr als 1 Hektar anbaute, konnte seinen Hopfen nicht mehr alleine zusammen mit den Verwandten oder Nachbarn ernten. Man brauchte Saisonarbeitskräfte, Hopfenzupfer. Wer fleißig war, konnte hier gutes Geld verdienen. Das sprach sich herum. Es entwickelte sich sogar ein eigenständiger Berufsstand: der Wanderarbeiter. Aus strukturschwachen Gegenden – so würde man das heute nennen – waren Leute über Monate hinweg unterwegs von einer Ernte zur nächsten: vom Getreide zum Obst, dann zum Hopfen, weiter zu den Kartoffeln und schließlich zum Heumachen. Neben dem Verdienst sicherte man sich damit auch für eine bestimmte Zeit Unterkunft und Verpflegung.

Freilich war dieses Herumziehen nicht überall gerne gesehen. Wer sein Leben auf der Landstraße verbrachte und nur hier und dort ein bisschen Station machte, ließ sich schwer kontrollieren. Die Bauern wussten nicht wirklich, wen sie bei sich auf dem Hof untergebracht hatten. In den Dörfern, wo sonst jeder jeden kannte, sorgten die „fremden Elemente“ für Unsicherheit und Aufregung.

Treffen der Hopfenzupfer, der sogenannte „Saumarkt“, Spalt, um 1910

Treffen der Hopfenzupfer, der sogenannte „Saumarkt“, Spalt, um 1910

Darüber hinaus waren die Vorstellungen von Recht und Ordnung noch ganz andere als heute. Alles was dem eigenen Wertesystem nicht entsprach, war „unerwünscht“, bedrohte unterschwellig die eigene Lebensweise, galt schlicht als „kriminell“.

Aus dieser Sicht heraus verfasste ein junger Kandidat der Rechte namens Hans Horn 1924 seine juristische Doktorarbeit an der Universität Heidelberg. Thema: „Die Kriminalität der Hopfenzupfer von Spalt“. Das Ende des 1. Weltkrieges im Herbst 1918 bescherte der deutschen Gesellschaft katastrophale Folgen, darunter eine verheerende Arbeitslosigkeit. Eine kurzfristige Beschäftigung inkl. Kost und Logis bei der Hopfenernte war höchst attraktiv geworden. Die angestammten Hopfenzupfer aus dem Böhmischen durften nicht mehr ins Land reisen, schließlich kamen sie plötzlich aus dem feindlichen Ausland, nicht mehr aus dem verbündeten Österreich. Die neuen Kräfte kannte man noch nicht. Sie tauchten häufig ohne vorherige Vermittlung in den Hopfenregionen auf, machten oft einen heruntergekommenen Eindruck.

Horns Ansatz ist vollkommen mitleidslos. Er möchte nicht die Lebensverhältnisse der von ihm untersuchten Menschen ändern, sondern die Gesellschaft vor ihnen schützen: „Wohl ist der Grossteil der Hopfenzupfer in Kriegs- u. Nachkriegszeit zu Grunde gegangen, sind die alten Bettler und Landstreicher auf der Landstraße verdorben. Aber schon ist ein neues Vagabundentum aus der Erde geschossen. Durch Not und Arbeitslosigkeit eines besiegten Landes wird wieder eine Unzahl von Menschen auf die Wanderschaft getrieben (…) Die ständige Bedrohung von Eigentum und Person, die dauernde Belästigung des sozialen Bürgers, die ausserordentliche Schädigung unseres noch verbliebenen Volksvermögens durch  Verbrecher- u. Landstreichertum zwingt uns zur Ausmerzung dieser antisozialen Elemente. Die Kriminalstatistik des Wanderarbeiter und Kundentums zeigt uns die Quellen, die verstopft werden müssen.

Sein Mittel erster Wahl nennt sich Kriminalstatistik. Indem man möglichst viele Daten über die „Delinquenten“ sammelte und auf eine vergleichende Basis brachte, hoffte man die Quellen des Verbrecherischen auszuloten, auszutrocknen und schließlich eben „auszumerzen“. Ob dieser Ansatz gerecht, sinnvoll oder mitfühlend war, interessierte Horn nicht im Geringsten. Ebenso wenig wie die Frage, wer denn dann eigentlich noch den Hopfenbauern die Ernte erledigte.

Stadtansicht von Spalt, um 1900

Stadtansicht von Spalt, um 1900

Nach einer allgemeinen Betrachtung zu den Aufgaben der Kriminalstatistik begann die Doktorarbeit mit einem kurzen historischen Rückblick auf Wesen, Ursachen und Entwicklung dessen, was Horn das „Wanderarbeiter- und Vagabundentum“ nannte, bezeichnenderweise beides in einem Atemzug genannt. Grundsätzlich war „der Gang menschlicher kultureller Entwicklung bis auf den heutigen Tag“ für ihn „ein Prozess allmähligen Sesshaftwerdens.“ Im Umkehrschluss stand also jemand, der ständig umherzog, beispielsweise ein wandernder Hopfenzupfer, auf einer kulturell niedrigeren Entwicklungsstufe: „Der Endzweck der Wanderzeit ist das Sesshaftwerden und der Erwerb von Produktionsmitteln.“ Berufliche Wanderarbeit lief dem entgegen. „Die Ortsveränderung des Landstreichertums zeigt uns das Widerspiel: ein antisoziales Streben nach arbeitsscheuem Einkommen; ein Brachliegenlassen oder eine völlige Vernichtung des wirtschaftlichen Wertes der Arbeitskraft, daher völlige Stagnation in der Entwicklung der wirtschaftlichen Persönlichkeit des Individuums.“ Kurz gesagt: wer zum Hopfenzupfen ging, behinderte für ihn die Entwicklung der Zivilisation.

So kam Horn zum Kern seiner Untersuchung. Seitenweise listete er alle möglichen Daten zu den in Spalt erfassten Hopfenzupfern auf, angefangen von den Herkunftsorten und -regionen über Alter, Geschlecht, Familienstand und Beruf. Schon hier stellte er Bezüge zur vermeintlichen Anfälligkeit für kriminelles Verhalten her: waren es eher die Jüngeren oder die Alten, die Verheirateten oder die Ehelosen, die Berufstätigkeiten oder die Arbeitslosen, bei wem lag die höhere „Verfehligkeit“, wie er es im Zeitjargon so schön nannte. Dem folgte eine umfangreiche Darstellung der erfassten „Übertretungen“ und „Verfehlungen“ aller Hopfenzupfer. Wobei hier deutlich auffällt, das Horn keinen großen Unterschied machte zwischen Diebstahl und Körperverletzung auf der einen oder Alkoholismus, Bettelei, Beleidigung, Unterschlagung und dem, was er Unzucht nannte, auf der anderen Seite. Seine Daten bezieht Horn aus statistischen Erhebungen der Jahre 1911 und 1912, durchgeführt vom damaligen Direktor der psychiatrischen Klinik Heidelberg.

Auf diese Weise förderte Horns Doktorarbeit eine geradezu erschreckende Anfälligkeit der Spalter Hopfenzupfer für „Kriminellles“ aller Art zutage. Ganze 54,1 % der erfassten männlichen Hopfenzupfer waren vorbestraft, davon 10,5 % mit mehr als 50 (!) Vorstrafen. Rund 10% von ihnen hatten bereits 2 ½ Jahre im Gefängnis verbracht. Die häufigsten Delikte waren Bettelei und Landstreicherei, was nicht verwundern kann. Bei den Zupferinnen stand die „Gewerbsunzucht“ an der Spitze, was „zweifellos als antisoziales Phänomen“ zu betrachten sei. Angefangen bei der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten bis hin zu „schweren moralischen Schäden“, was auch immer Horn damit meinte. Dann folgten Diebstahl und „Vermögensdelikte aller Art“, Betrug, Körperverletzung (was Horn in enge Verbindung zum Alkoholismus brachte) und schließlich alle Vergehen gegen Staat und öffentliche Ordnung wie Sachbeschädigung oder Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Hopfenzupfer in einem Spalter Hopfengarten, um 1920

Hopfenzupfer in einem Spalter Hopfengarten, um 1920

Horn krude Einteilungen und Unterscheidungen der Wanderarbeiter in „Gelegenheitsvaganten“, „Handwerksburschen, welche der Arbeit nicht“ nachlaufen, „Arbeitsscheuen“ und schließlich „Elitestromern (…), körperlich und geistig Minderwertige (…), die entweder überhaupt nicht oder wenigstens nicht anhaltend arbeiten können“, lassen sich heute nur mehr mit Mühe lesen. Insofern erscheinen seine Ausführungen auch als gedanklicher Vorbote dessen, was sich ab 1933 in Deutschland dann zur staatlichen Norm wandelte.

Ob Horns Untersuchung zu irgendwelchen Konsequenzen bei der Spalter Stadtverwaltung führten, ist nicht überliefert. Als Zeitdokument ist sie trotz aller Härte heute noch von Wert.

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