Hirschberger, Hierländer und Prackenfelser Spät
Der Bayerische Hopfenbaukonsulent und die alten Hopfensorten
Hirschberger, Hierländer und Prackenfelser Spät
Der Bayerische Hopfenbaukonsulent und die alten Hopfensorten
Von Christoph Pinzl
Nach goldenen Jahrzehnten geriet der Hopfenbau ab 1890 in eine heftige Krise. Im Bierland Bayern hatte die Sonderkultur mittlerweile staatstragende Bedeutung erreicht. Deshalb fackelte die Staatsregierung nicht lange. 1899 ernannte sie den Weihenstephaner Professor für Landwirtschaft, Friedrich Wagner, zum „Konsulent für Hopfenbau im Königreich Bayern“. Eine Art Hopfen-Minister. Der sollte sich um alles kümmern. Nicht, dass den bayerischen Brauereien irgendwann der Hopfen ausging. Und am Schluss noch deren weltberühmtes Bier Schaden erlitt.
Und Wagner kümmerte sich. Um so ziemlich alles, was den Hopfenbau wieder auf die Spur bringen konnte. Sein wichtigster Glaubenssatz lautete: Qualität, Qualität, Qualität. Wer die Brauwirtschaft dazu kriegen wollte, wieder bessere Hopfenpreise zu bezahlen, musste beste, allerbeste Qualität abliefern. Neben damals neuen Techniken wie Heißluftdarren und Drahtgerüsten gehörte für Wagner ganz zentral die Sortenpflege dazu. Rund um sein Weihenstephaner Institut legte er sogenannte Sortengärten an. Also Hopfengärten, in denen viele verschiedene Hopfensorten wuchsen und Wagner die Gelegenheit boten, ihre unterschiedlichen Profile in der Praxis zu erforschen.
Titelblatt von Friedrich Wagners Buch zu den bayerischen Hopfensorten.
Schon 1905 veröffentlichte er eine umfangreiche Untersuchung über „Die Bayerischen Hopfensorten, ihre Entstehung, Verbreitung und Eigenschaften“, so der Titel seiner Schrift. Für uns heute eine der wichtigsten Quellen darüber, welcher Hopfen früher in bayerischen Hopfengärten wuchs. Was dort alles an Namen auftauchte, ist heute ein Sammelsurium an längst vergessenen und verschwundenen Hopfensorten. Wagner lieferte aber nicht nur die alten Namen. Er beschrieb auch jede Sorte, ihr Wachstum, ihre Eigenschaften, Vorzüge und Nachteile. Manchmal auch ihre Herkunft, wer sie wo eingeführt hatte und warum. Besonders interessierte ihn, was passierte, wenn man eine Sorte von einer Region in die andere versetzte. Um das alles rauszufinden, hatte er vorab Fragebögen an mehrere hundert Hopfenpflanzer in ganz Bayern versendet. Gespickt mit Fragen wie
„Seit wann wird die Hopfensorte in ihrer Gegend gebaut?“
„Auf welcher Bodenart gedeiht die Sorte am besten?
„Ist die Sorte im Handel beliebt und warum?“
„Ist die Sorte empfindlich gegen Pilzkrankheiten und Ungeziefer?
bis hin zu
„Welche Umstände befördern die Körnerbildung der Dolden?“
„Verfärbt sich das Mehl rasch, wenn der Hopfen zu lange auf der Stange bleibt?“
„Sind die Dolden gut geschlossen und welches Aroma besitzen sie?“
„Ist eine Aufleitung von 2 oder 3 Reben zweckmäßiger und warum?“
Im Ganzen 46 Fragen, deren Beantwortung jeweils einer kleinen Sortendoktorarbeit entsprochen hätte. Nicht ganz verwunderlich, dass „die Beantwortung der Fragen nicht mit derjenigen kritischen Schärfe erfolgt ist, welche wünschenswert gewesen wäre“, wie der Herr Professor etwas ernüchtert anmerkte. Vielleicht verschätzte sich der akademische Lehrer auch etwas beim Willen seines Pflanzerklientels, die eigenen Erfahrungen einfach so weiterzugeben – falls es denn überhaupt solche exakten Erfahrungen gegeben hat. Wie auch immer, Wagner war letztlich doch zufrieden, „haben sich doch auch sehr viele schätzenswerte Beiträge zur Charakterisierung der bayerischen Hopfensorten ergeben.“
Prackenfelser Späthopfen, aus dem Hersbrucker Anbaugebiet
Zuerst teilte er die Formen der Deckblätter ein nach Kategorien wie „rundlich-verkehrt eiförmig, am Grunde verschmälert (Spalter Deckblattform)“ oder „schmal-elliptisch, nach dem Grunde zu wenig verschmälert (Hallertauer Deckblattform)“. Ein Versuch, die einzelnen Sorten von ihrer Optik her ein wenig in den Griff zu kriegen. Die heute ebenso wichtige Beschreibung der Wuchsform der Reben zog er nicht zu Rate, vermutlich aus Mangel an Anschauungsmaterial.
Dann beschrieb Wagner die Situation in den einzelnen Anbaugebieten. Im Spalter Land zum Beispiel wuchs zu 80% der „echte mittelfrühe Spalter Hopfen“. Wie auch immer man „echt“ heute interpretieren mag. Denn Jahrzehnte später fand man heraus, dass dieser Spalter Hopfen genetisch viel Ähnlichkeit mit dem Gewächs aus Saaz in Böhmen hat. Aber davon konnte Wagner noch nichts wissen und das ist deshalb eine andere Geschichte. In Hersbruck wuchs größtenteils Hersbrucker Spät und in der Hallertau Hallertauer Mittelfrüh.
Kindinger Späthopfen
Aber es erklingen auch so illustre Namen wie Altensittenbacher Frühhopfen, Sperberhopfen oder Gaisreuther Spät, heute alle längst vergessen. Wir erfahren, dass Pflanzer Hiemer aus Großweingarten im Spalter Gebiet schon seit 20 Jahren Hallertauer Mittelfrüh kultivierte, dass Xaver Steinberger aus Siegenburg in der Hallertau seit 2 Jahren auch Schwetzinger, also badischen Hopfen anbaute und sich sein Kollege Schrag in Pfaffenhofen seit einiger Zeit mit Mittelfrühem Gelbspalter befasste. Wir hören vom Hubhopfen, auch Rückersdorfer Frühhopfen genannt, der im Hersbrucker Gebirge verbreitet war, ebenso wie der Prackenfelser Spät, der dort besonders auf fetten, lehmigen Böden gut gedieh. Beides eher Neuzüchtungen als Altbestand.
Im Aischgrund dominierte zwar noch der „Aischgründer Spät“, aber neue Sorten wie der Mittelfrühe Aischgründer waren auf dem Vormarsch. Im Kindinger Gebiet, später Teil des Jura und heute im Spalter Anbaugebiet aufgegangen, wuchs zu 50% der Kindinger Späthopfen. Aber Hallertauer Mittelfrüh macht sich dort ebenso breit wie im Aischgrund. Auch eine Sorte namens Hirschberger Spät, der eigentlich ein Hersbrucker Spät war, fand sich zunehmend in den Hopfengärten.
Auch die Spuren einstmals heimischer Sorten waren noch zu finden. Vor allem in der Hallertau war neben dem mittlerweile berühmten Hallertauer Mittelfrüh noch eine andere Sorte heimisch, ein alter Frühhopfen, der allgemein als „Hierländer“ bezeichnet wurde. Er „war jedenfalls schon in den frühesten Zeiten in der Hallertau, insbesondere in der oberbayerischen, stark vertreten.“ Wagner vermutet sogar, dass früher dort ausschließlich Hierländer wuchs. Somit wäre die „alte Landsorte“ in der Hallertau eigentlich eine andere als heute vermutet. Drückt der Name „Hierländer“ irgendwie auch aus. Den Hallertauer Mittelfrüh nannten die Hallertauer Pflanzer übrigens auch gerne „Grünspalter“. Aber weniger, weil er ursprünglich mal aus Spalt stammte: „Das Wort ‚Spalter‘ soll zunächst nur eine bessere Qualität von Hopfen andeuten“. Heißt im Klartext: Hallertauer Hopfenbauern nutzten den Hopfen der Spalter Konkurrenz als Marketingbegriff. Das würde sich heute auch niemand mehr trauen.
Hierländer, die alte Hopfensorte der Hallertau
Wagner stellte zudem fest, dass sich eingeführte Sorten vor Ort unterschiedlich verhielten. Manche zeigten trotz verändertem Klima und Boden die gleichen Eigenschaften wie am ursprünglichen Standort (Hallertauer, der in Spalt angebaut wird), andere nahmen sowohl bei Aroma als auch Form die Eigenarten des Hopfens vor Ort an (Tettnanger, der in Spalt angebaut wird).
Friedrich Wagners Beobachtungen erfolgten zu einer Zeit, als die „alten Landsorten“ schon verbreitet waren. Aber ganz so eindeutig, wie man heute meinen könnte, war die Dominanz dieser Sorten in den Regionen keineswegs. Neue Sorten waren auf dem Vormarsch, ältere am Verschwinden und alle Sorten wurden mittlerweile zwischen den Regionen munter hin- und hergetauscht. Die Veränderungen der 1950er Jahre brachten dann den endgültigen Wechsel zu Zuchtsorten, größtenteils aus der Hopfenforschung. Die Zeit der Regionalsorten neigte sich dann endgültig dem Ende zu.