Der Fürther Hopfenpflückerbrunnen
Ein verschwundenes Denkmal für den Hopfenhandel
Von Christoph Pinzl
Hopfen entwickelte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts zur Boom-Pflanze in Deutschland. Zentrum dieser Hopfenbegeisterung war Mittelfranken. Mittendrin: die Stadt Fürth. Die eigentliche Hopfen-Affinität erhielt die Stadt aber weniger durch die zahlreichen Hopfenpflanzer im Umland. Anders als in vielen anderen bayerischen Städten hatten hier seit dem Mittelalter Juden und Christen ohne Unterbrechung neben- und miteinander gelebt. Als im Laufe des 19. Jahrhundert immer mehr jüdische Hopfenhändlerfamilien aus dem fränkischen Landgemeinden in die nahen Städte umsiedelten, erschien deswegen Fürth als ein besonders erstrebenswertes Ziel für diesen aufstrebenden Kaufmannsstand. Schon 1859 tauchten 19 Hopfenhändler im Fürther Adressbuch auf, 15 Jahre später waren es dann ganze 42 und ein großer Teil von ihnen mit jüdischem Familiennamen. Sie trugen wesentlich zum Wohlstand der Stadt bei, viele förderten aktiv Kultur und Gemeinwesen.
Insofern war es also nicht ganz abwegig, als 1907 der Fürther Verschönerungsverein auf die Idee kam, zu Ehren des Fürther Hopfenhandels ein Denkmal aufzustellen. Ein Denkmal in Form eines Brunnens. Als Standort wählte man eine platzartige Erweiterung der Königswarterstraße, Ecke Gabelsbergerstraße. Also unweit des Fürther Hauptbahnhofs und ebenso nahe am Bahnhof der alten Ludwigseisenbahn, auf der 1835 die berühmte Adler-Lokomotive ihre Bierfässer transportiert hatte. Gut gelegen, denn ohne Eisenbahnanschluss hätte sich einst kein erfolgreicher Hopfenhandel entwickeln können. Zudem in der Ecke Fürths, in der einst viele Hopfenhändlerfamilien ihre Niederlassung gehabt hatten. Passenderweise fuhr besagte Ludwigsbahn auch noch direkt am Brunnen vorbei zu den Nachbarn nach Nürnberg, in Sachen Hopfenhandel ja auch nicht gerade die unwichtigste Hopfenstadt. Trotzdem missfiel so manchem Fürther die wenig frequentierte Lage mitten in der Straße, ohne Rasenfläche und Begleitgrün.
Der Fürther Hopfenbrunnen, um 1920.
Auch wenn die Fürther Verbindung zum Hopfen über den Handel und nicht den Anbau verlief, suchte man sich als Motiv für den Brunnen eine Hopfenpflückerin aus. Die schien wohl markanter und liebreizender den Hopfen zu repräsentieren als eine graue Händlergestalt in Anzug und Zylinder. Irgendwie nachvollziehbar, auch wenn in Fürth niemals eine Zupferin Hopfendolden in einen Korb gepflückt haben dürfte. Den Sockel, auf dem die Figur stand, schmückten Reliefs von Hopfendolden und Hopfdenblättern aus Jurakalk. Die Zupferin darauf bestand aus Bronze.
Für die Ausarbeitung der Figur konnte man den Münchner Bildhauer Josef Köpf gewinnen. Anders als in heutigen Zeiten mit seiner innig gepflegten Altbaiern-Animosität hatte man im Frankenland also damals noch keine Probleme damit, einen solchen Auftrag in die oberbayerische Konkurrenzmetropole zu vergeben. Köpf mag ein renommierter Künstler gewesen sein, vom Hopfenbau hatte er aber augenscheinlich keine Ahnung. In der knienden Buckelhaltung, in der er seine metallische Pflückerin ausformte, erntete sicher kein Mensch jemals Hopfendolden. Aber irgendwie passte das ja dann doch wieder gut zu Fürth und seinen Hopfenhändlern, wo sich ja auch niemals jemand beim Hopfenzupfen die Finger schmutzig gemacht hatte. In einer Aktennotiz zur Entwurfsgestaltung wurde diplomatisch vermerkt, dass es sich angeblich um „die knieende Figur einer eben am Wege rastenden Hopfenpflückerin“ gehandelt haben soll. Ja dann.
Gesamtkosten des Brunnens inkl. Bauarbeiten: 5707 Mark, vollständig vom Fürther Verschönerungsverein übernommen. Die Stadt erhielt das Brunnen-Denkmal als Geschenk unter der Voraussetzung, es in Schuss zu halten, sprich Betrieb und Unterhalt zu übernehmen. Die Brunnen-Enthüllung fand am 27. September 1907 statt, Freitagvormittag um halb zwölf.
Postkartenmotiv des Brunnens, nachträglich koloriert und spiegelverkehrt abgebildet.
Liest man die alten Berichte durch, drängt sich einem der Eindruck auf, dass die Fürther in den folgenden Jahren irgendwie nie ganz warm wurden mit ihrem Brunnendenkmal. Ein launiger Artikel aus der Lokalzeitung vom September 1932 wusste von einem angeheiterten Passanten zu berichten, der mit der bronzenen Zupferin „eine nächtliche Zwiesprache halten“ wollte. „Und als sie ihn wegen seiner schwerfälligen Zunge nicht verstand, gab er, der doch ohne ihre Arbeit sich in einen derartigen glückseligen Zustand gar nicht hätte versetzen können, allerhand unschöne Kosenamen. Schließlich glaubte er, aus dem Brunnenrohr zu ihren Füßen käme ein brauner Gerstensaft geflossen. Nach einer ausgiebigen Kostprobe hätte er sich dann schaudernd abgewandt.“
Allzu lange sollte das Hopfen-Denkmal ohnehin keinen Bestand haben. Im Laufe des 2. Weltkrieges ging es der Bronzefigur an den Kragen – das Rohmaterial war zu kriegswichtig geworden. Nach dem Krieg stand dann der Brunnen ohne Pflückerin on top noch einige Jahre in der Gegend herum. Im Herbst 1954 wurde er schließlich im Auftrag des Fürther Stadtbauamtes endgültig abgerissen. Nicht zuletzt deshalb, weil zu dieser Zeit schon kaum mehr jemand etwas über die einstige Bedeutung des Hopfens für Fürth wusste. Vielleicht aber auch, weil man an die vielen jüdischen Händlerfamilien und ihr Verschwinden in der nationalsozialistischen Zeit nicht so gerne erinnern wollte, auch nicht indirekt durch so ein altes Denkmal. Die Adolf-Hitler-Straße, wie der Standort des Brunnens ab 1933 geheißen hatte, benannte man nach dem Krieg auch schnell wieder in Königswarterstraße zurück und das kompromittierende Dritt-Reichs-Straßenschild ließ man schleunigst verschwinden. Erst 2022 tauchte es bei Aushubarbeiten zufällig wieder auf.
Der Standort des Brunnens aus der Vogelperspektive, um 1942. Die Bronzefigur war bereits entfernt worden.
Alle zaghaften Bestrebungen der folgenden Jahre, den Brunnen wieder aufzustellen, scheiterten. Zu teuer, hieß es. Immer ein brauchbares Argument, wenn andere Ideen in Stadtplanerköpfen Einzug halten. In diesem Fall ein naher Hochhausbau, dem der Brunnen im Weg stand. Heute wissen nur mehr Eingeweihte etwas über die einstige Beziehung des Hopfens mit der Stadt. Am ehemaligen Standort residieren heute Suppenkaspar und Anna´s Schaschlik Haus, natürlich mit Akzent. An den Hopfenpflückerbrunnen erinnert nichts mehr in Fürth.
Dort nicht. Dafür bei uns, im Deutschen Hopfenmuseum. Unser Brunnen ist ein Werk des Münchner Bühnenbildners und Künstlers Sigwart Donat. Wie so häufig kamen wir mit ihm auf Umwegen in Kontakt. Auch wenn er sich anfangs ein bisschen über unser Anliegen amüsierte, ließ er sich schnell von der Idee, den Fürther Brunnen wiederauferstehen zu lassen, begeistern. Über das zu zahlende Salär vereinbarten wir Stilschweigen, für den Aufwand und die Perfektion, die Donat in seine Arbeit legte, zweifellos ein Witz an Entlohnung. Sein Brunnen-Modell fiel so täuschend echt aus, dass wir anfangs erhebliche Probleme damit hatten, dass sich unsere Besucher nicht gemütlich auf den Brunnenrand oder aufs Brunnengeländer setzten. Beides gab nämlich sofort unter dem Gewicht nach, schließlich waren hier weder Stein noch Eisen, sondern ein styroporartiges Leichtmaterial aus dem Kulissenbau verarbeitet worden. Noch heute meint der Großteil unserer Besucher, dass der einstige Fürther Hopfenpflückerbrunnen zu uns ins Museum umgezogen ist. Irgendwie ist er das ja auch. Jedenfalls in Form einer plastischen Erinnerung an die einstmals große Zeit des Hopfens in Fürth.