Ödland für die Kunst

Im Bauerngerätemuseum Ingolstadt läuft noch bis 19. Juni 2022 die Ausstellung „Holledauer Geschichten III“. Sehr zum empfehlen.

Jahrhunderte lang baute man Hopfen an Stangen. Jede Hopfenrebe eine Stange. „Du bist so lang wie eine Hopfenstang´“ lautete ein mäßig freundliches Bonmot für großgewachsene Leute. Solche Menschen waren ebenso wie das hölzerne Vergleichsmaterial nicht so leicht zu übersehen. Ob man sie schön fand oder nicht, sie prägten ihre Umgebung, stachen raus, erhoben sich, sahen über die Köpfe hinweg, über den Rest der Welt.

Um 1850 kam beim Hopfenanbau ein neues System ins Gespräch. Draht statt Holz. Die Stange wandelte sich zur Säule. Sie sollte das Drahtkorsett für den Hopfen zusammenhalten. Eine Pflanze wuchs daran keine mehr. In Franken, um die Städtchen Spalt und Hersbruck, wo seit langer Zeit der Hopfen die Haupteinnahmequelle lieferte, tat man sich schwer mit der neuen Technik. Jakob Reider, einer der wichtigsten Hopfengelehrten seiner Zeit, wetterte über das Experimentieren mit dem neuen Material, über solch „alberne Possen“.[i] Dass es dabei nicht nur um wissenschaftliche Bedenken ging, spürte man schnell. „Gegenüber den entscheidenden Vorzügen der Anlage besitzt der Stangengarten ohne Zweifel mehr immaterielle Werte, die das Gemüt berühren, deren Verlust ein Verlust des Herzens ist“, seufzte noch Jahrzehnte später ein fränkischer Heimatkünstler. Seine Klagerede unterlegte er mit Bildern, mit Kunst. Zeichnungen und Radierungen aus der Hand der fränkischen Künstler Rudolf Schiestl, Ernst Pflaumer, Konrad Volkert und Hermann Wilhelm. Letztgenannter hatte 1933, nach dem Tod Schiestls, in Kalchreuth eine Gedenkstätte für den bekannten Maler und Graphiker eingerichtet. Wie Pflaumer und Volkert war er sein Schüler gewesen.

Hans Dollinger: Holledauer Dreigesang, Mia san Holledauer (2006). Traktorspuren, Raku, Eisen.

Schiestls Begeisterung für die fränkische Natur hatte sich auch auf seine Nachfolger übertragen. Auf den Abbildungen zu sehen waren Ansichten fränkischer Hopfengärten. Warum ausgerechnet die Wahrnehmung von Hopfengärten als „Natur“? Die Erklärung lieferte der Autor mit: Der Hopfengarten „ist ein empfindsames Motiv in der Landschaft. Im Prunk seines Wachstums wirkt er mehr wie ein Stück Natur, als eine Anlage von Menschenhand“. Interessanterweise waren auf den Zeichnungen fast ausschließlich sogenannte „Stangenhäuser“ abgebildet, also nach der Ernte pyramidenförmig zusammengestellte Hopfenstangen, die aussahen wie Indianerzelte ohne Hülle. Fränkische Hopfenwildnis. Vom „Prunk des Wachstums“ war also nicht viel zu sehen. Freilich, die Stangenhäuser ließen den Blick frei auf die Dörfer und Hügel im Hintergrund, auf Obstgärten und Felder, was das Eingewachsensein verstärken sollte. Aber der Hopfen selber, Stange für Stange im Spalier, ein Steckerlwald? Das waren zu viel senkrechte Striche, zu viel Vertikale und Geradeaus und im Ganzen eine Wand ohne Drumherum und Hintendran. Kein passendes Motiv für empfindsame Heimatgefühle, wo Natur und Kultur doch verschmelzen sollten, abseits der städtischen Zivilisation und all ihrer unappetitlichen Gleichmacherei und Bedrohlichkeit. Sehnsüchte und Ängste nach einer heilen (Agrar-)Welt, die bald darauf die Blut-und-Boden-Mystik des Dritten Reiches mit Geschick für ihre Zwecke auszunutzen verstand.

In der Hallertau lief alles ein bisschen anders. Von den Hopfenstangen verabschiedete man sich schon recht früh. Zu Zeiten, als man andernorts tiefe Landschaftsgefühle mit den Holzstangen verschwinden sah, wussten die Holledauer Hopfenbauern gar nicht mehr richtig, was mit Stangenanbau gemeint war. Draht war zweckmäßiger, billiger, rationeller. Punkt.

Nicht viel anders hielten es die Hallertauer beim Hausbau. Spalter Hopfenbauern steckten einstmals ihr Kapital in wunderschön anzusehende Fachwerkbauten unter deren steilen Dächern sie ihren Hopfen an der Luft trocknen konnten. Hauskunstwerke, die heute das Herz jedes Frankentouristen höherschlagen lassen, auch wenn die Gemeinden nicht mehr wissen, wie sie die ganze denkmalpflegerische Last noch schultern sollen. Als um 1900 die moderne Heißluftdarre auftauchte im Hopfenbau, da konnte man ja schlecht die ganzen Dörfer abreißen, um Platz zu schaffen für die neuen turmartigen Darren. Die Hallertauer dagegen brauchten wieder nicht lange, um die neue Technik umzusetzen. Und wenn die Darre irgendwann höher aufragte als der Dorfkirchturm, umso besser.

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Thomas Neumaier: Hopfenzausel (2022). Holz, Papier, Acryl, Hopfen.

Ein kunstbeflissener Heimatforscher, der den Hallertauern das Drahtaufhängen oder das Darrenbauen aus landschaftsästhetischen Gründen verbieten wollte, tauchte nie auf. Hätte auch nicht gepasst, schließlich war der Hopfen hier alles andere als das Symbol für die gute alte Zeit. Hopfen kam hier ja erst seit ungefähr 1850 richtig zum Zug. Und er hatte aufgeräumt mit den Traditionen. Wer Hopfen baute, musste modern denken, an Marktwirtschaft, Brauindustrie, Agrarwissenschaft. Im Schweiße ihres Angesichts das Korn fürs Brot säende Bauern, daran dachte man beim Hopfen eher nicht mehr. Hopfenpflanzer hieß es nun, nicht Hopfenbauer. Fünfzig Angestellte zur Hopfenernte, Eisenbahn und Telegraf, zur Erntezeit darauf achten, was auf der Hopfenbörse in Nürnberg vor sich ging, das waren die neuen Zeiten. Die Pfarrer ereiferten sich über den Verfall der Sitten, weil der Hopfen zu viel Reichtum und Luxus in die Dörfer brachte. Und doch waren sie gezwungen, als einzige Besitzer eines Radios bei der sonntäglichen Predigt zu verkünden, wie der aktuelle Hopfenpreis stand. Sprachpfleger beobachteten das Vordringen neuer Begrifflichkeiten, Trachtenforscher den Sieg städtischer Moden über die alten Trachten.

Und die Künstler? Machten aus der Hallertau ein „Ödland für die Kunst“, wie es Hallertauer Volkskundler aufgebracht diagnostizierten. Ödland für die Kunst. So eine Schublade sagt viel über die Erwartungen aus, die man an Kunst, an Landschaftskunst, knüpft.

Landschaft liefert Bilder. Bilder, die im Kopf des Betrachters wirken. Bilder, die auf Vorstellungen von Landschaft treffen, die schon vorher da waren. Die darüber entscheiden, ob man das Bild der Landschaft als schön oder hässlich empfindet, als authentisch oder gekünstelt. Gekünstelt und somit nicht künstlerisch wertvoll. Nicht edel und gut, nicht tiefsinnig, sich auseinandersetzend. Wo die gekünstelte Kunst aufhört und wo die künstlerische Kunst anfängt, auch das ist von Bildern geprägt. Es gibt keine Trennung von Natur und Kultur. Kultur ist alles, was vom Menschen beeinflusst wird. Zuallererst ist das die Natur. In dem Moment, in dem der Mensch seinen Fuß in die Landschaft setzt, ist sie schon Kultur geworden, wahrgenommen, verfremdet, bearbeitet, verformt, verwandelt. Die Sehnsucht nach der Reinheit der Natur kommt nicht zufällig immer erst dann ins Spiel, wenn die Kultur, die Zivilisation zu sehr auf dem Vormarsch ist. Wer noch genug pure Natur um sich weiß, wird niemals nach ihren „unnennbaren Reizen“ suchen.

Drahtlinge auf Catway - Plastik von Hans Dollinger

Hans Dollinger: Drahtlinge auf Catwalk (2022). Drahtreste, Acryl, Holz.

Der Hopfen ist da ehrlicher, besonders der Hopfen in der Hallertau. Die Naturbearbeitung steckt von vorneherein mit drin, ganz unübersehbar. Landschaft ist hier in jedem Fall Kulturlandschaft, keiner käme auf die Idee, einen Hopfenstangenwald für unberührte Natur zu halten. Ohnehin ist reine Natur für den Menschen nicht denkbar ohne Landschaft. Die Natur schert sich nicht drum, ob es dem Menschen gefällt, wie sie wächst und vergeht, im ständigen Fluss der Veränderung. Wilder Hopfen wächst mitten im halbschattigen Auwald oder am Waldrand. So wie es ihm passt. Nimmt ihn der Mensch wahr, wird er angepasst. Hopfen im Hopfengarten ist keine Natur mehr. Der Mensch entscheidet nun, was passt. Weiblicher Hopfen passt gut als Bierwürze. Männlicher Hopfen passt nicht, weil man keine Befruchtung haben will. Männlicher Hopfen ist ein Schädling. Man rottet ihn aus, zur Not mit Pflanzenschutz-, besser bekämpfungsmitteln. In Hopfenkulturlandschaften will man die wilde Geschlechternatur nicht haben. So etwas ist das Gegenteil von Natur.

In Hersbruck eröffnete kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Heimat- und Hopfenmuseum. Museumsleiter wurde passenderweise einer der oben aufgeführten fränkischen Hopfenkünstler. In der Hallertau dauerte es dagegen noch 50 Jahre bis zum großen Museum. Touristen, Großstadtflüchtlinge, Eventsucher, denen man das zurechtgestylte Fremdenverkehrs-Oberbayern seit Generationen als echt verkauft hat, taten sich schwer mit der drahtigen Hallertau. Für deren Katalogblicke ist die Hallertau ganz bestimmt Ödland.

Wer meint, dass so eine Landschaft nichts taugt für die Kunst, verwechselt aber Kunst mit Kitsch. Sucht nach einem künstlerischen Reinheitsgebot, das ebenso willkürlich ist, wie das für´s Bier. Die Kunst sitzt eher dazwischen. Jedenfalls versucht sie, sich rauszunehmen aus den fertigen Bildlandschaften im Kopf. Durch neue Perspektiven einen neuen Blick auf die realen Landschaften zu öffnen. Das wäre interessante, gelungene Kunst. Jedenfalls in meiner Vorstellung.

Titelbild:
Thomas Neumaier: Hopfen-Oktaphon. 2022. 54 x 40 x 4 cm.

Abenteuer Hallertau

Michael Urban und Tobias Rossmann haben es geschrieben, fotografiert, ausgedacht, selbst erlebt. „Micro Adventures“ nennen sie auf Neudeutsch, was sie den Lesern nahebringen wollen, nach dem Erfinder dieses Begriffes, dem Briten Alastair Humphreys. Micro Adventures, das bedeutet so viel wie: rausgehen, Augen aufmachen, kreativ sein, die wunderbaren Dinge vor der Haustür entdecken, dabei den ganzen Körper einsetzen und dadurch letzten Endes auch den Geist befreien. Kommt einem auf den ersten Blick bekannt vor. Begriffe wie Entschleunigung, Ökologie, Nachhaltigkeit ploppen im Hinterkopf auf. Hier kommen sie aber fern jedweder Ideologie oder Naturkitsch daher. Und die Umsetzung ist so erfrischend locker und sympathisch, dass einem schon beim Lesen das Herz aufgeht. Was wird einem da wohl erst widerfahren, wenn man sich selbst ins Mikroabenteuer stürzt.

Wenn sich die beiden selber in die Nähe von Hobbits rücken, meinen sie damit weniger große Füße oder Lust auf zweites Frühstück. Sie nehmen relativ direkt Bezug auf die klassische Heldenreise, die ja bekanntlich auch immer eine Reise ins eigene Ich ist und am Ende stets gewandelte, verfeinerte Held/innen hervorbringt. Deswegen muss die Tour auch gar nicht unbedingt eine gewaltige Odyssee sein, es reicht auch eine Fünf-Stunden-Walz ins nahe Römerkastell (Eining), zur nächsten Oase (Steinerskirchen) oder auf den höchsten Gipfel der Umgebung (in Osseltshausen).

Umschlag des Buches "Abenteuer Hallertau"

Und so machten sich Sir Toby und Ritter Mike auf ins verwunschene Land das da heißt Hallertau oder Holl-ed-Au, wie es die Alten nannten, und lernten auf ihrer Reise zahlreiche freundliche Gesellen kennen, wie die Wirtin vom Seidlbräu, Konrad den Hopfen-Altmeister oder den weisen Franz, den Stiglmaier. Sie begegneten dem Herrn der Glühwürmchen, berieten sich mit dem Mondvogel, folgten der Legende des Kaisermantels, machten sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Knabenkraut, entkamen der grausigen Beißschrecke, betäubten sich am Duft des würzigen Humulus.

Im Land der Baumwesen unter seinem Schultheiß, dem knorrigen Sir Andy Oaksworthy, lösten sie das Rätsel der 12 Jahreszeiten. Im Labyrinth der gestängten Gärten kam ihnen der Riese Mathias zu Hilfe, der ein gebratenes Schwein inklusive 77 Riesenknödeln in einem Satz verschlingen kann. Im Reich der magischen Pferde verfielen sie den Reizen der glutäugigen Rusalka. Und wenn es einmal gar nicht mehr weitergehen wollte, eilten kurzerhand die lieblichen Feen Annaschön und El-Ena herbei und halfen unseren Helden aus der Patsche, damit sie nicht in den eisigen Auen des Hopfenlandes einen bitteren Tod erleiden mussten. Oder jedenfalls eine Erkältung. So oder so ähnlich.

Besonders wunderbar ist, dass die beiden Mikroabenteurer nicht nur leidenschaftliche Naturliebhaber und belesene Textkönner sind, sondern auch großartige Fotografen mit einem feinen Blick für Reizendes und Schräges und den Zauber des Augenblicks. Obwohl nur gut 200 Seiten dick, ist das Buch vollgepackt mit Informationen und haufenweise Fotoperlen, die alle für sich schon kleine, zauberhafte Geschichten erzählen und sofort die Phantasie anregen. Eine Mischung aus Wanderführer, Fotoband, Abenteuergeschichte, Tagebuch, Ideensammlung.

Und das wirklich absolut Wunderbare ist, dass Mike Urban und Tobi Rossmann all die Schönheiten nicht in den ewig gleichen Must-See-Gegenden aus der Tripadvisor-Rangliste entdecken, sondern vor ihrer Haustür, eben in der Hallertau. Ausgerechnet die Hallertau möchte man sagen, die man ja schnell mal mit Agrarindustrie, hoher SUV-Dichte und zubetonierten Flusstälern assoziiert. Wer das Gegenteil erleben will, der lese dieses Buch. Und wandere los.

Hab´ ich es schon erwähnt? Ein wirklich schönes Buch.

Michael Urban & Tobias Rossmann: Abenteuer Hallertau. Micro Adventures im Hopfenland. 216 Seiten, broschiert, Süd-Ost-Verlag, ISBN 978-3-95587-794-1, Preis: 19,90 EUR.

Wer das Buch kaufen möchte, muss übrigens nicht bis zum Amazonas. Man kriegt es zum Beispiel bei uns im Museumsshop, sogar am Sonntag: Di-So, 10-17 Uhr.

Oder bei Frau Kawasch in der Marktbuchhandlung Wolnzach, auch am Montag.

Alternativ unter www.hopfenshop.de , hier 24/7.

Anleiten

Man muss den Hopfen regelrecht bei der Hand nehmen, alleine findet er seinen Weg nicht nach oben. Am Draht und früher an der Schnur. Allzu viel hat sich hier nicht verändert in den letzten 70 Jahren. Das Bild entstand 1949 bei Hüll, nahe Wolnzach. Damals kamen die Saisonkräfte noch aus der näheren Umgebung, nicht aus Polen oder Rumänien, so wie heute. Häufig erledigten die Familienmitglieder die ganze Arbeit ohnehin alleine, halfen zusammen. Knechte und Mägde zum Helfen waren auch noch nicht überall von den Höfen verschwunden. Ansonsten, damals wie heute: buckeln, kauern, hocken, Handarbeit.

Kleistpark

Das ist der Kleistpark in Berlin. An einem Mittwochabend im Frühjahr 2022. Vor rund 350 Jahren stand hier – ein Hopfengarten. Damals gab es noch kein „Genius des Geistes“-Denkmal in der Mitte und auch keine Königskolonnaden, von denen eine Randsäule links ins Bild ragt. Und das Ganze lag noch im kleinen Dörfchen Schöneberg, weit außerhalb der späteren preußischen Hauptstadt. Was es damals aber noch gab, war eine kurfürstliche Brauerei in Berlin, für die der Hopfengarten den Rohstoff lieferte. Um 1680 baute man ihn dann um in einen Küchen- und bald darauf in einen herrschaftlichen Botanischen Garten, leider dann schon ohne Hopfen. Erst viel später erhielt die grüne Oase ihren Namen nach dem deutschen Dichterfürsten Heinrich von Kleist. Von der einstigen Hopfen-Vergangenheit wusste man da schon längst nichts mehr.